Liturgie - Der Zweite Blick
Eine gewagte Entdeckung: Der Mensch braucht den anderen Menschen, der auf etwas hinweist und es bezeugt. Nur durch Johannes entdecken andere Jesus. Gesehen haben sie ihn ja auch. Und auch gehört. Haben mit ihm gearbeitet, Feste gefeiert, sind mit ihm gewandert. Aber erkannt haben sie ihn erst durch das, was Johannes an ihm entdeckt und über ihn gesagt hat. „Siehe, das ist Gottes Lamm“ (Johannes 1,36). Der Gedanke hat mich gleich fasziniert: Johannes bezeugt Jesus. Und andere glauben dem Zeugnis des Johannes. Die Begegnung reicht aus, sich zu entscheiden, ja, das Leben umzukrempeln, ihm eine neue Richtung zu geben. Das ist gar nicht so selten, dass wir Zeugen brauchen. Verlässliche Zeugen. Die wiederum sind leider selten. Dem Wort Gottes, den vier Evangelisten, dürfen wir trauen. Und ich, traue ich mich, Zeugnis zu geben? Lasse ich mich auf Begegnung ein? Kann ich heute anderen zum verlässlichen Evangelisten werden?
Bibelwort: Johannes 1,29-34 (Evangelium vom 2. Sonntag im Jahreskreis)
AUSGELEGT!
Auch ich kannte ihn nicht, aber ich bin gekommen und taufe mit Wasser, um Israel mit ihm bekannt zu machen.
Es klingt geheimnisvoll, wenn Johannes über seinen Verwandten sagt: „Auch ich kannte ihn nicht.“ Noch merkwürdiger ist diese Aussage, da Johannes unmittelbar davor über Jesus sagt, dass dieser das Lamm Gottes sei, das die Sünden der Welt wegnimmt. Welche Art von Kennen und Erkennen meinte Johannes wohl? Auf jeden Fall wissen wir, dass Johannes einer ist, der sich auf die Suche und auf den Weg gemacht hat, vermutlich immer wieder hin- und herpendelnd zwischen einem Erkennen und einem immer wieder neuen Fragen.
Was mir beim Blick auf Johannes besonders auffällt: Erstens: Sogar zweimal kommt dieser Satz vor: „Auch ich kannte ihn nicht“. Könnte es ein Hinweis darauf sein, dass Johannes uns so etwas mitteilt wie: „Ich bin zwar ein Gottsucher, aber ich hatte auch keine Ahnung, wann und in welcher Weise sich Gott zeigen wird.“? Und mir fällt zweitens auf, dass Johannes jedes Mal nach diesem Satz ein „Aber“ dazusetzt. „Ich kannte ihn zwar nicht, aber ich habe gemacht, was ich konnte. Ich habe getauft, um die Menschen mit ihm bekannt zu machen. Und genau da hat mir der Geist Gottes gezeigt, mit wem ich es hier zu tun habe.“ Das führt Johannes – drittens – zu dem lapidaren Satz: „Das habe ich gesehen, und ich bezeuge.“
Christine Rod MC
Quelle: Bergmoser + Höller Verlag AG
Foto: Michael Tillmann
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