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Stolpersteine        

        

 

Hinter dem Projektnamen "STOLPERSTEINE" verbirgt sich eine europaweite Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig, bei der, wie er selbst sagt, Erinnerungsarbeit geleistet wird. Es soll, so Demnig, die Erinnerung an die Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Zigeuner, von politisch Verfolgten, Homosexuellen, Zeugen Jehovas und Euthanasie-opfern im deutschen Faschismus lebendig erhalten werden. 

 

Dazu werden nach aufwändigen Recherchen und in Zusammenarbeit mit Historikern die ehemaligen Wohnorte der Betroffenen rekonstruiert und  vor den jeweiligen Adressen von Gunter Demnig persönlich die STOLPERSTEINE in den Bürgersteig ebenerdig eingesetzt. In über 50 Städten Deutschlands finden sich Demnigs STOLPERSTEINE wieder, seit heute auch in Nordhausen. Neben den Adressen Pferdemarkt 10 (Gedenkstein für ehem. Synagoge) und Rautenstraße 48 (ehem. Jüdisches Kaufhaus Pinthus & Ahlfeld) wurde ein STOLPERSTEIN auch vor dem Haus Domstraße 5 gesetzt.

 

In die Messingtafel (10cm x 10cm) der quader-förmigen Steine sind der Name, der Jahrgang und das weitere Schicksal des betroffenen Menschen eingestanzt.In der Domstraße 5 trägt beispiels- weise der STOLPERSTEIN den Namen Wilhelm Hunstiger und erinnert somit an einen politisch Verfolgten, der als Pfarrer und Dechant der katho-lischen Domgemeinde in der Zeit von 1922 bis 1941 in Nordhausen mit großem seelsorgerischen Eifer wirkte. Weitergehende Informationen zum "Fall" Hunstiger sind hier hinterlegt. Diese Details stellte in dankenswerter Weise Frau Margret Sieckel aus der Domgemeinde zusammen. Als Zeitzeugin kann sie zu den damaligen Ereignissen das entsprechende Hintergrundwissen vermitteln. Das Bild (rechts oben) zeigt Frau Sieckel im Gespräch mit dem Künstler Gunter Demnig.

 

Nähere Projekt-Informationen sind unter www.stolpersteine.com abrufbar.

Dechant Wilhelm Hunstiger, * 24.12.1884, +05.03.1963, war von 1922 bis 1941 Pfarrer und Dechant in Nordhausen in der katholischen Gemeinde am Dom zum Heiligen Kreuz.Den frühen Nazi-Behörden und Machthabern in der Stadt Nordhausen war er wegen seines großen seelsorgerischen Eifers, wegen seines deutlich erkenn­baren Willens zu kirchlicher Selbstbe- hauptung und klarer Wahrung der Grenzen von Anpassungs- und Kooperationsbereitschaft stets ein Dorn im Auge. Man suchte und fand bald einen Anlass, ihn einzuschüchtern und möglichst aus­zuschalten: Am 11. August 1935 verstarb der 35jährige Sohn einer Nachbarin, Adolf Paffrath, der formal zur Domgemeinde gehörte. Angeblich verweigerte Dechant Hunstiger dessen kirchliches Begräbnis, weil er ein SA-Mann war! Von dieser Tatsache wusste der Pfarrer aber nichts. Ganz im Gegenteil, er be­sprach mit der Mutter und dem Bruder des Verstorbenen den Ablauf des von ihm ge­planten Begräbnisses. Doch glaubte die SA, nun einen Anlass für die Verfolgung dieses Priesters gefunden zu haben: Am 12. August drangen bei einer eiligst aufgebotenen Demonstration SA-Männer in das Pfarrhaus Domstraße 5 ein, zertrümmerten alle Fensterscheiben und zerrten Dechant Hunstiger auf die Straße. Sie zwangen ihn, mit ausgebreiteten Armen eine große Schrifttafel zu tragen, auf der zu lesen stand: Einen Mörder habe ich beerdigt - einen SA-Mann beerdige ich nicht. (Hunstiger hatte kurz vorher einen in Nordhausen hingerich­teten Mörder bis zu seinem Tode seelsorglich begleitet und dann auch in Stille beerdigt.) Man trieb den Dechanten durch die Straßen, trat und verhöhnte ihn. Die ihn begleitenden Polizeibeamten schritten nicht dagegen ein. Er wurde zwangsweise in den Siechenhof gebracht.

 

Im Dunkel der Nacht musste er heimlich das Stadtgebiet verlassen. Zwei Domgemeinde-Mitglieder brachten ihn per Auto zunächst ins Bischöfliche Kommissariat nach Heiligen-stadt. Von dort aus konnte er per Bahn die Fahrt nach Fulda ins Bischöfliche General-vikariat antreten. Er durfte zwar mit Erlaubnis der machtha-benden Behörden nach einigen Wochen nach Nordhausen zurückkehren. Man versuchte aber seitens der Regierung, der zuständigen Minister für kirchliche Angelegenheiten, da er „aus staatspoliti- schen Gründen" nicht mehr tragbar sei, auf die zwangsweise Versetzung Hunstigers hinzuwirken.Trotz allem verblieb Dechant Hunstiger bis zu seiner Berufung ins Fuldaer Domkapi­tel am 1. November 1941 in Nordhausen.

Er verstarb am 5. März 1963 in Fulda.

 

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